Die Empfindungsentwicklung bei Kindern lindert Nervosität  -  Teil 1

 

von Ursula Klane*

 

 

Angesichts stark zunehmender Nervosität bei Kindern und Jugendlichen und den damit verbundenen Auswirkungen wie z.B. Müdigkeit, Sich-Gestresst-Fühlen oder Suchtprobleme stellt sich für uns die Frage, wie wir diesem Phänomen wirksam entgegentreten können.

Ein wesentliche Möglichkeit besteht darin, dass wir die Empfindungskraft der Kinder fördern.

 

Empfindungen zu alltäglichen Situationen oder zu den Erscheinungen der Natur schenken dem Menschen mehr Nähe zum Leben als beispielsweise Gefühlsstimmungen oder Emotionen. Das liegt daran, dass Empfindungen nah zum Gegenüber oder dem jeweiligen Geschehen entstehen. Im Gegensatz dazu zeigt eine Emotion mehr unser Befinden, das sich jedoch nicht immer in einem Zusammenhang mit der Außenwelt befindet. Deutliche Beispiele für Emotionen finden wir in der Werbung. Hier werden vor allem Reize geweckt oder Sensationen dargestellt.

Das empfindsame Erleben wird gestört, wenn ein Geschehen auf Emotionen wie z.B. Sensationen basiert.

 

Ein empfindungsvolles Wahrnehmen des Kindes können wir auf unterschiedliche Art und Weise unterstützen.

Dieser erste Artikel behandelt die Möglichkeit, dass Kinder von uns gelegentlich in alltägliche Situationen einbezogen werden. In einem zweiten Teil werden Ansätze für Unterrichtsgestaltung beschrieben.

 

 

Das Potential, Empfindungskraft auszuprägen, legt sich in der Entwicklung des Menschen grundsätzlich etwa ab dem 7. Lebensjahr, also mit Schuleintritt, bis zum Beginn der Pubertät mit ca. 13, 14 Jahren an.

Kinder sollten in diesem Alter möglichst einfach und anschaulich am Geschehen, ob in der Schule - insbesondere in der Grundschule - oder zu Hause beteiligt sein. Das anschauliche Geschehen kann das Kind in Ruhe wahrnehmen und gemäß seiner Wahrnehmung wird sich daraus ein Erleben formen. Dieses Erleben prägt sich dem Kinde tief ein.  

 

Zum einen dürfen wir als Eltern, als Lehrer oder allgemein als Erziehende davon ausgehen, dass Kinder in diesen Jahren am täglichen Geschehen beteiligt werden möchten. Vielleicht ist dies nicht immer sogleich erkennbar, da die Veranlagungen sehr unterschiedlich sind, und auch über die Jahre sich verändern.

Zum anderen ist es für Kinder wesentlich, am Geschehen im Alltag auf altersgemäße Weise eingebunden zu werden, und damit im altersgemäßen Umfang Verantwortung zu übernehmen.

 

 

Wie viele kleine Gelegenheiten ergeben sich aus dem Alltag sozusagen wie von selbst. Dabei ist selbstverständlich auch unser Einfallsreichtum gefragt.

Vielleicht bieten sich das Geschirr-Abtrocknen, die Gartenarbeit oder das gemeinsame Aufdecken des Abendbrot-Tisches an. Auch beim Zubereiten von Speisen helfen Kinder oft sehr gerne. Indem wir im Stillen beobachten, welche Obst- und Gemüsesorten das Kind bevorzugt, können wir aus diesen eine kleine Beilage zu einer Mahlzeit kreieren. Vielleicht wird das Kind nach einiger Zeit die Paprika oder die Gurken, die es sehr gerne isst, unter einigem „Vorkosten“ in die kreativsten Formen schnibbeln – voller Vorfreude auf die Mahlzeit.

 

Die Kinder an der Pflege von Haustieren zu beteiligen, ist ebenfalls empfehlenswert. Gleich ob der Hund gebürstet werden soll, die Fische ihr Futter brauchen oder das Wasser im Aquarium zu wechseln ist, je nach Alter können wir das Kind bitten, einen Eimer zu halten, uns etwas tragen zu helfen oder Ältere mit dem Nachmittagsspaziergang des Hundes betrauen.

Auch das Saubermachen oder das Schreinern im Hobbykeller ist für Kinder oft eine Freude. So wird der Siebenjährige, während der Vater das Holz für ein Vogelhaus zusammenstellt, mit Feuereifer die passenden Nägel aus einem Kistchen heraussuchen, in dem sich Nägel unterschiedlichster Längen und Stärken, mit und ohne Kopf, befinden und immer weiter wühlen, wie viele „Treffer“ wohl  noch verborgen sind.

 

 

Was für einen Jungen die Werkzeugecke sein kann, kann die Mutter evtl. bei der Tochter mit dem reichhaltigen Knopf- oder dem farbenfrohen Nähseidensortiment anregen.

Jedoch darf ergänzt werden, dass es die Kategorien – der Junge am Werkzeug und das Mädchen im Haushalt – so nicht geben muss bzw. sie ohnehin erweitert werden können. So hilft uns auch der Sohn beim Staubsaugen oder Backen, wie die Tochter beim Zusammenbauen eines Schrankes oder im Umgang mit Hammer und Nagel mit Freude und praktischen Ideen dabei sein kann.

 

 

Auch der  Schulalltag bietet zahlreiche Möglichkeiten.

Für die Kinder stellt es einen großen Wert dar, wenn die Beispiele, die wir für unsere Aufgabenstellungen wählen, beschreibend, konkret und sachbezogen sind. In diesem Alter denkt das Kind noch nicht analytisch und abstrahierend. Diese Fähigkeiten beginnen sich mit dem Einsetzen der Pubertät erst zu entwickeln.

 

Die Sorgfalt, die wir auf ein sauberes Tafelbild verwenden, vermittelt dem jeweiligen Tafeldienst eine Zufriedenheit, wenn er die Tafel für die Stunde vorbereitet hat. Unterrichtsmaterial aus dem Kartenraum oder dem Lehrerzimmer herbeizuholen wird Helfer hervorrufen, wie auch im Klassenraum Bänke und Stühle zurechtzurücken,  oder Pflanzen zu gießen. Viel Freude wird es den Kindern machen, die Dekoration des Klassenzimmers zu gestalten.  

Vielleicht können wir den Kleineren eine Freude machen, wenn wir zeitweise die Sitzordnung verändern und erläutern, dass z.B. der Platz in Türnähe wichtig sei, denn wenn es klopfe, könne der dort Sitzende die Tür öffnen. So fühle sich der eintretende Besucher gleich willkommen. Auch die Fensterplätze seien wesentlich, um frische Luft hereinzulassen. Ein „Jan, mach' bitte die Fenster auf“ hebt einen Schüler spielerisch hervor und damit evtl. auch wieder leichter ins Unterrichtsgeschehen. So bekommen die Plätze im Klassenraum ihre besondere Note, und vielleicht neue Beachtung.

 

 

Unzählige weitere Beispiele werden wir finden, wie wir auf kreative Weise die Eigenverantwortung des Kindes und vor allem sein Würdeempfinden fördern können, am gesamten Geschehen Teil zu haben und zum Gelingen einer Sache beizutragen – dies auf einfache und natürliche Weise, ohne intellektuelle Aufbereitung oder andere zusätzliche Maßnahmen.

 

Im Nachhinein werden wir die zufriedene Ausstrahlung des Kindes wahrnehmen – sein Erleben, sich integriert zu fühlen und etwas Sinnvolles geleistet zu haben.

 

Neben dem Blick für erforderliche alltägliche Abläufe legt sich im Kind eine tiefe Wertschätzung an. Das Kind beobachtet den Erwachsenen sehr genau in dessen Tun und Überlegungen. Unsere natürliche Anerkennung  wird ihm großes Lob sein.

 

 

 

Mit solchen Überlegungen, die letztendlich das Vorbild des Erwachsenen erfordern, stellen wir einen wirksamen Gegenpol zur Verfügung in Hinblick auf alle nervösen Reizungen, die für das zarte Nervensystem von Kindern sehr schnell zu Überreizungen werden.  Man denke beispielhaft an die Vielzahl der Medien, an die zunehmende Flut von Geräten, die heute rund um die Uhr und an allen Orten ein Surfen im Internet, die Beschäftigung mit Spielen oder Fernsehen ermöglichen. Die negative Wirkung entsteht auch deshalb, da die Inhalte teilweise nicht konkret oder real sind, und die aufgenommenen Reize nicht angemessen umgesetzt werden können – außer im Tasten-Drücken.

Richtig gehend schädigend wirken Medien vor allem, wenn sie mit Gewaltinhalten beladen sind.

 

 

So können wir Erwachsene Situationen erzeugen bzw. führen, bei denen die Kinder auf bestmögliche Weise zu einem Zugehörig-Sein in der Welt finden.

 

Diese Entwicklung gibt dem Heranwachsenden bzw. dem Erwachsenen Zuversicht und eine Art inneren Anker für das gesamte weitere Leben. Gerade in schwierigen Situationen oder in Krisen bleibt im Innersten eine gewisse Unabhängigkeit gegenüber den Wechselfällen des Lebens erhalten, und das Gefühl eines tiefen und unerschütterlichen Vertrauens ins Leben, einer Zuversicht und Lebensbejahung.

 

 

 

Literatur:

„Erziehung und Selbsterziehung“ von Heinz Grill,          Lammers-Koll-Verlag,              ISBN  3-935925-66-2

 

*Copyright 2011 : Ursula Klane, Friedrichshafen

 

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