Die Empfindungsentwicklung bei Kindern lindert  Nervosität  -  Teil 2

 

 

von Ursula Klane*

 

 

Im Teil 1  zu diesem Artikel wurde beschrieben, dass Empfindungen im Leben des Menschen eine zentrale Rolle einnehmen, da sie wesentlich zu einer inneren, tiefen Stabilität mit weitreichender Tragfähigkeit beitragen.

Den allgemeinen bzw. einführenden Teil zur Empfindungsentwicklung und den Ansätzen einer ganzheitlichen Menschenkunde lesen Sie bitte ebenfalls in Teil 1.

 

 

 

In diesem Artikel soll darauf eingegangen werden, wie wir unsere Kinder vor allem in den Grundschuljahren und in den folgenden 5., 6. und sogar noch 7. Klassenstufen in einem empfindungsvollen Lernen begleiten können.

Im Alter vom Schuleintritt bis zum Beginn der Pubertät sollten ein anschauliches Lernen im Vordergrund stehen, das auch immer einen Realitätsbezug aufweist. Die Anschaulichkeit in der Darstellung des Themas lässt ein lebendiges und zugleich anstrengungsloses Lernen zu.

 

Ein abstrahierendes oder analytisches Denken ist in diesem Alter noch nicht möglich. In den ersten beiden Klassenstufen am Gymnasium zeigen sich immer wieder erhebliche Probleme. Die Kinder sind mit dem Schulwechsel und häufig auch mit den neuen und z.T. sehr anders gelagerten Anforderungen beschäftigt.  

Um so wesentlicher erscheint eine anschauliche Einbettung des Themas, damit vom Schüler nicht zu früh bzw. zu viel intellektuelle Leistung erbracht werden muss.

Manchmal hat es den Anschein, als ob 10-, 11-Jährige ganz gut damit zurecht kämen. Allerdings liegt die Gefahr nahe, dass Kinder sich auf zu hohe bzw. zu viele intellektuelle Anforderungen einstellen und die Erwachsenen nachzuahmen versuchen.

 

Überfordern wir Kinder intellektuell, strahlt uns infolge häufig ein  „Mangel“ entgegen. Dieser hat jedoch mit den tatsächlichen Fähigkeiten des Kindes, z.B. mit seinem Auffassungsvermögen oder seiner Kreativität meistens nicht viel zu tun. Durch intellektuelle Überforderungen mindern wir die Fähigkeiten des Kindes herab bzw. stören diese zum Teil erheblich.

 

 

 

Betrachten wir das Fach Deutsch näher.

In den dritten, vierten Klassen wollen wir die Kinder an das Schreiben von Aufsätzen heranführen.

Dabei ist es für den Unterrichtenden wesentlich, zu beachten, dass sich die Sprache und das Sprachvermögen in diesen jungen Jahren erst nach und nach entwickeln. Besonders gelingt das durch anschauliche, lebendige Bilder, die wir in den Stunden erzeugen.  Wenn ein Kind außerdem gerne liest, wird es auch häufig um so mehr Freude und sprachliche Möglichkeiten haben, selber zu schreiben.

 

Kinder an das Schreiben heranzuführen, kann uns selber große Freude machen. Stellen wir uns vor, wir sinnen darüber nach, welche Besonderheiten unsere nähere oder weitere Umgebung bietet. Je nach Lebensregion umgeben uns z.B. bergige Landschaften, die, wenn sie aus Kalkgestein bestehen, häufig verkarstet sind, weite Marschen oder gar die Nord- oder Ostseeküsten.

Im Südwesten Deutschlands am Bodensee liegt es nahe, das Element des Wassers zum Thema zu machen.

 

Beschreibende, anschauliche Worte und Bilder in Verbindung mit weiterführenden Fragen können wir immer mehr in einen Zusammenhang führen. Schließlich wird mit der Zeit eine Art Gesamtbild entstehen, das ein intensives, möglichst vielseitiges, reales Fühlen zum Thema vermittelt.

Das beschreibende Element erleben wir in jeder Sprache insbesondere durch die Verwendung von Tätigkeitswörtern (Verben) und Eigenschaftswörtern (Adjektiven), weniger durch Hauptwörter (Substantive) und am wenigsten durch Fremdwörter, sehr lange Sätze oder verschachtelte Formulierungen.

 

 

Nun können wir die Kinder z.B. mit einigen Photos  oder Plakaten auf unser Thema einstimmen und fragen:  Wer von euch geht gerne in den See?

Sofort werden die Meinungen auseinandergehen, vom Kältebibbern bis zur Begeisterung der Wasserratten.

Und sogleich kann die Frage folgen: Wie erlebt ihr das Wasser momentan?  Das Wasser ist kalt. Stimmt nicht, es ist warm, es ist toll. Die Wellen waren vorgestern so hoch wie im letzten Urlaub am Meer...

 

Welche Farben hat das Wasser in den letzten Tagen gehabt? Grün, grün-blau, hellblau, dunkelblau, türkis, keine Farbe, wie der Schlamm am Boden – da sind der Phantasie der Kinder keine Grenzen gesetzt.

Und wenn das Wasser trüb ist? Da hat starker Wind den Schlamm und den Sand vom Boden aufgewühlt, diese ganz kleinen Teilchen haben sich dann überall im Wasser fein verteilt.

 

Was macht denn das Wasser an unserem Körper, wenn wir schwimmen? Und wir beschreiben es wieder selber: Es umfließt uns, es umspült uns, es umspielt uns.

 

Wer ist schon mal in Ufernähe getaucht, was ist da im Wasser?  Wasserpflanzen, Tang  - Iiihhh-Rufe -, Fische, Steine am Boden, Schlamm, alte Fahrräder, Glasscherben.  Müll und Glasscherben gehören da nicht hin.

 

Was macht der Tang? Der streift die Beine, diese Antwort wird wiederum einiges Gekreische hervorlocken.

Warum schreit ihr da? Weil das eklig ist. Und was ist daran eklig? Sicher kommt ein Kind darauf, zu antworten, weil man nicht weiß, was einen da berührt. Das wäre eine sehr zutreffende Beschreibung, nämlich die, dass wir im Wasser schwimmend Berührung erleben können, dass uns etwas streift, was wir je nach Wassertrübung bzw. mangelndem Lichteinfall nicht sehen können.

 

Wie verändert sich die Helligkeit, wenn wir in die Tiefe tauchen?

Diejenigen, die gerne tauchen, wissen, dass das Licht mit zunehmender Tiefe langsam abnimmt.

 

Habt ihr schon Fische gesehen beim Schnorcheln? Ja, ganze Fischschwärme,  ganz winzige. Größere Fische – wenn man Glück hat.  

 

Was kennt ihr vielleicht vom Meer, was es hier im Bodensee nicht gibt?

Quallen – neuerliches iihhhh – wie sind die?  Glibberig, glitschig, die können einen bei Berührung auch wie brennen.

Krebse, die können zwicken, wenn man auf sie drauf tritt.

Ebbe und Flut. Stimmt, die gibt es vor allem an der Nordsee, in geringem Maß an der Ostsee.

 

Über das Gesprochene können die Kinder einen Hefteintrag machen, somit entsteht eine schriftliche Sammlung. Vielleicht wollen wir das Malen von Bildern anregen.

So wird im Anschluss ein Aufsatz mit dem Thema „Wie ich einmal beim Baden …“  vielleicht mehr Ideen und Kreativität wecken, und letztendlich mehr Freude machen.

 

Mit einer lebendigen Stoffsammlung regen wir bei den Kindern auch das Fühlen des Körpers im Wasser und die Beobachtung zum Wasser unmittelbar an. Vielleicht wird sich der eine oder andere Schüler beim nächsten Badebesuch kurz an die Unterrichtsstunde erinnern, und für einen Moment anders aufmerksam  sein.

 

 

 

 

Beim Thema 'Aufsatz' begegnet es uns zeitweise, dass der Wortschatz der Kinder noch eingeschränkt ist oder die Motivation fehlt, ihn anzuwenden. Damit geht ebenfalls die Freude am Schreiben verloren, zumal sich solche Aufsätze recht langweilig schreiben und auch lesen. Da wird dann in fast jedem Satz „gegangen“ und „gesagt“....

Vielleicht eignet sich der Schulhof oder Schulgarten, um Wörter, die das Verb 'gehen' ersetzen können, heranzuführen. Wer macht uns vor, zu humpeln oder zu hinken,  zu  schlendern, zu schleichen oder zu schlurfen, zu hüpfen und zu hopsen, zu trampeln oder zu tänzeln...? Den Unterschied zwischen ‚rennen’ und ‚flitzen’ können wir veranschaulichen, wenn wir uns vorab vergegenwärtigen, dass beide Bewegungsarten sehr schnell verlaufen, aber das Flitzen mehr Geschicklichkeit erfordert. Wenn z.B. Kinder im Schulgebäude den Gang entlang und um die Ecke flitzen, kommen darin deren geschmeidige und wendige Bewegungen zum Ausdruck.

Indem wir uns die Wörter vorab vergegenwärtigen, werden wir sie in der Stunde in anschauliche Bilder kleiden, da sich das Rennen und das Flitzen vielleicht nicht unbedingt für eine Vorführung eignen.

 

 

 

 

Wortarten neu einzuführen oder zu wiederholen, kann für die Kinder manchmal trocken sein.

Das Erlernen von Eigenschaftswörtern hingegen kommt den Kindern sehr entgegen, zumal es sich an Tieren und deren Eigenschaften verdeutlichen lässt. Einige Kinder haben ein Haustier, viele wünschen sich eines.

Wir können Tiere beschreiben oder von den Kindern beschreiben lassen, z.B. auch in dem Zusammenhang, wo und wie sie leben.

 

Fragen wir, wie der Hase ist, wird sicher als Antwort kommen: Der hat Angst, der fürchtet sich.

Er ist furchtsam, und auch schreckhaft. Warum erschrickt er leicht? Er hört gut, hat große Löffel.

Wie ist das Reh, das im Wald lebt? Es ist scheu.

Wie ist der Fuchs – das wissen die Kinder: schlau! Der Löwe? Stark. Ist der Löwe  furchtsam – nein!

Wie bewegt sich die Katze? Das wissen die Kinder ebenfalls! Die bewegt sich ganz leise, die schleicht. Stimmt, die bewegt sich lautlos und geschmeidig.

Wer bewegt sich ähnlich wie die Katze? Der Tiger, der Panther! Eventuell zeigen wir Bilder von exotischen Katzen.

Wie ist die Kuh, wo lebt sie? Die liegt im Gras, oder steht im Stall, und kaut. Käut das gefressene Gras wieder. Macht die was? Nein, die tut keinem was.

Die Kuh ist also duldsam, manchmal sogar auch ängstlich. So finden wir immer weitere Eigenschaftswörter, die sich den Kindern durch die Verbindung mit einem Tier leicht einprägen.

 

Nun können wir nach Tieren fragen, die für die Kinder relativ schwierig zu beschreiben sein werden.

Wie ist der Rabe, die Krähe? Da können wir gleich weiterfragen: Habt ihr schon mal gesehen, wie nah ein Rabe an die Straße herankommt, wenn er etwas zu fressen entdeckt hat? Das kennen die Kinder vielleicht vom Autofahren. Die sind neugierig, aber auch gewitzt.

Andere Eigenschaftswörter mit gleicher Bedeutung können unbekannte Wörter erklären, so z.B. ‚gewitzt' mit ‚schlau’.

 

 

 

 

Mit solchen Überlegungen, die in Ansätzen dargestellt worden sind, können wir Themen lebendig gestalten und auch Hausaufgaben und Klassenarbeiten in einen Zusammenhang führen.

Insgesamt werden die Kinder für das Lernen auf diese Weise empfänglicher, sie werden sich im Unterricht gerne beteiligen und auch mehr Initiative entwickeln. Letztendlich nimmt die Freude am Lernen zu.

Störungen sowie Ängste, z.B. im Unterricht aufgerufen zu werden oder in Klassenarbeiten zu versagen, nehmen spürbar ab.

 

 

Mit herzlichem Dank an Ursula Ernst für ihre Anregungen.

 

 

Literatur:

„Erziehung und Selbsterziehung“ von Heinz Grill,          Lammers-Koll-Verlag,              ISBN  3-935925-66-2

 

*Copyright 2011 : Ursula Klane, Friedrichshafen

 

 

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