Buchempfehlung Geopolitik von Ursula Klane 02/2026

Alles zu seiner Zeit – Mein Leben

Autobiografie von Michail Gorbatschow

dtv 2.Auflage 2022

Die Biografie von Michail Gorbatschow führt den Leser in Jahrzehnte der UdSSR. 1931 geboren wuchs Gorbatschow ländlich bei seiner Familie im Stawropoler Land (zwischen dem Schwarzen Meer und Kaspischen Meer) in einer multikulturellen Welt auf. Sein Vater war in die Kolchose eingetreten und arbeitete in der Landwirtschaft. 1941 erlebte Gorbatschow als 10-Jähriger den Einmarsch der Wehrmacht in seiner Heimat. Nach Kriegsende begann wieder der Schulunterricht, außerdem arbeitete Gorbatschow bei seinem Vater, der die Frontkämpfe des 2.Weltkriegs überlebt hatte, als Mechanikergehilfe in der Kolchose.

Nach seinem Schulabschluss wollte Gorbatschow studieren und entschied sich für Rechtswissenschaften an der Universität Moskau. Die Zustände, unter denen die Studenten, aber auch viele Menschen dort lebten, werden als desolat dargestellt. Während des Studiums engagierte sich Gorbatschow in der Jugendorganisation der KPdSU. In diesen Jahren lernte er seine Frau Raissa kennen, die Philosophie studierte. Sie heirateten noch während des Studiums.

Als Rechtswissenschaftler und Parteimitglied begann für Gorbatschow eine Karriere in Regierungsfunktionen der KPdSU. Von 1955 bis 1978 hatte er verschiedene Positionen im Stawropoler Land und Stawropol Stadt inne.

1956, drei Jahre nach dem Tod von Stalin wandte sich dessen Nachfolger Chruschtschow auf einem Parteitag der KPdSU gegen den „Personenkult“. Gorbatschow beschreibt dieses offene Vorgehen von Generalsekretär Chruschtschow als Schock für viele Bürger der UdSSR. Chruschtschow wollte aus Sicht Gorbatschows die führende Rolle der KPdSU modernisieren und ihr Monopol schwächen. Der Wille zum Machterhalt an der Parteispitze überwog jedoch: Er führte zur Absetzung Chruschtschows und zur Wahl Breschnews als Generalsekretär im Jahr 1964. Gorbatschow beschreibt, dass die Zeit für die Überwindung des Stalinismus damals nicht reif war: Chruschtschows Verdienste – größer als seine Fehler – waren u.a. die Rehabilitierung von Millionen unschuldig Verfolgter und die Rückführung ganzer Völker, die durch Stalins Entscheidungen nach Sibirien deportiert worden waren.

Spätestens in den 1970er Jahren war Gorbatschow im inneren Konflikt mit dem bestehenden System, den hohen Anforderungen auf seinem leitenden Posten des Regionskomitees Stawropol, die aufgrund von Fehlbeschlüssen des Politbüros nicht wirklich zufriedenstellend gelöst werden konnten und seinem dringenden Wunsch nach ausgewogeneren, demokratischen Verhältnissen angekommen.

Durch Beharrlichkeit, steigendes Fachwissen (Gorbatschow studierte nebenbei Agrarwissenschaften) und hohe zwischenmenschliche Kompetenz gelangen ihm grundlegende Veränderungen in der Region Stawropol, was Gorbatschow mit seiner „kleinen Perestroika“ bezeichnet. U.a. setzte er sich für einen Bewässerungskanal ein. Der Kanal steigerte den Ernteertrag der Region bereits deutlich, als erste Abschnitte in Betrieb genommen werden konnten. Auch die Schafzucht mit der bekannt hochqualitativen Wollproduktion wurde im Stawropoler Land in den 1970er Jahren stark ausgeweitet. In Breschnew, der den jungen und engagierten Leiter förderte, fand Gorbatschow reichlich Unterstützung.

Gorbatschow war mittlerweile in den obersten Sowjet und ins ZK in Moskau aufgestiegen. 1978 übernahm er das Amt des ZK-Sekretärs für Landwirtschaft in Moskau und war fortan für alle Regions- und Gebietskomitees der KPdSU im landwirtschaftlichen Bereich in der UdSSR verantwortlich. Damit verließ die Familie Gorbatschow Stawropol und lebte sowohl örtlich als auch beruflich im Machtzentrum der UdSSR. Gorbatschow beschreibt, wie belastend sich die Umstände der Partei auf ihn und seine Frau auswirkten.

In dieser extremen und verantwortungsvollen Position angekommen, mit all den Einblicken in die verschiedenen Regionen wunderte sich Gorbatschow, dass die UdSSR wirtschaftlich überhaupt noch „funktionierte“ und noch nicht zusammengebrochen war. Er legte ein neues Lebensmittelprogramm auf, was allerdings noch nicht ausreichte. Die Frage musste größer angegangen werden, im Sinne eines „Agro-Industriellen Komplexes“, der die Vollmachten für die jeweiligen Gebiete ausweiten und an die Bedürfnisse und Besonderheiten einer Region anpassen sollte. Damit war z.B. die individuelle Hauswirtschaft eines Bauern nicht mehr „schädlicher Privatsektor“, sondern wurde nun als organischer Bestandteil des agrarindustriellen Komplexes betrachtet, der die Produktion der Kolchosen ergänzte.

Die Berufung Andropows als zweiten Mann in der Parteiführung rief Widersacher, die die bestehenden Machtstrukturen nicht antasten wollten, auf den Plan. Trotzdem wurde Andropow nach Breschnews Tod 1982 Generalsekretär. Obwohl in der 18-jährigen Regierungszeit Breschnews viel über Demokratie gesprochen worden war, sei ein beispielloser Kampf gegen Andersdenkende geführt worden, schreibt Gorbatschow. Obwohl Wirtschaft und Produktion intensiviert, wissenschaftlich-technischer Fortschritt beschleunigt und die Selbstständigkeit von Betrieben erweitert worden war, stießen selbst bescheidene Reformen auf erbitterten Widerstand.

Andropow erneuerte unter Mitarbeit von Gorbatschow in Teilen die Kader. Was nicht vollständig gelang – „Clan-Strukturen durchzogen Parteikreise und Republiken teils seit Jahrzehnten wie Metastasen“. Es entstand ein Machtkampf an der Spitze der Partei: Andropow favorisierte Gorbatschow als seinen Nachfolger, die alte, den Fortschritt blockierende Machtelite forcierte Tschernenko. Andropow starb nach nur 450 Tagen als Generalsekretär. Die alten Kader wählten den schwerkranken, praktisch invaliden Tschernenko zum Nachfolger. Er starb im Frühjahr 1985. Nun sah sich Gorbatschow in der Verantwortung, den Posten des Generalsekretärs zu übernehmen, sollte er einstimmig gewählt werden.  Bis 1991 stand Gorbatschow an der Spitze der Regierung der UdSSR. Er beschreibt Schritte in den Reformen von Perestroika (Umbau) und Glasnost (Transparenz), im Inland und international. Gorbatschow macht auch deutlich, dass der Zerfall der UdSSR von ihm nicht geplant war. Dieser wurde von Gegnern innerhalb der Partei vorangetrieben, die sich teils zuvor der Unterstützung aus dem Ausland versichert hatten, so beschreibt Gorbatschow die Ereignisse dieser Jahre. Die Veränderungen innerhalb der UdSSR und in der Außenpolitik wurden in der westlichen Welt zunächst mit großem Misstrauen aufgenommen. Wohl wurde zudem in manch einem Staat versucht, größt mögliches Kapital aus der schweren Krise der UdSSR zu schlagen.

Das Buch bietet vielseitige und spannende Einblicke in rund 60 Jahre UdSSR wie auch in außenpolitische Ereignisse aus diesem Zeitraum. Ökologische Folgeschäden aus der großräumigen Intensivierung der Landwirtschaft oder Wasserwirtschaftsprojekten sind in diesem Buch noch wenig thematisiert.

Fragen können entstehen, z.B.: Wie passen Ereignisse und Weichenstellungen der UdSSR der 1980er und frühen 1990er Jahre mit späteren Geschehnissen, z.B mit der NATO-Osterweiterung zusammen oder eben auch nicht? Oder: Baut die heutige Europäische Union innerhalb ihrer Organisationen und Mitgliedsstaaten Strukturen auf, die an Strukturen der ehemaligen UdSSR erinnern?